Fünf Thesen zu den Jobaussichten 2010"Die Kunst einen Drachen zu reiten"
Seit rund zwei Jahren sind die Aussichten für Berufseinsteiger und Wechselkandidaten eher bescheiden. Ich möchte Ihnen hier ein paar Einschätzungen geben, wie sich der Job-Markt in diesem Jahr weiter entwickeln könnte und welche Einflussfaktoren Sie beobachten sollten. Abschließend zeige ich anhand von konkreten Beispielen, wie Sie auch in schwierigen Zeiten Jobs oder neue Karriereperspektiven entdecken können.
Vor zwei Jahren zeichnete sich ein deutlicher Trend ab: Erkennbar wurden die Wende im aktuellen Zyklus und die Umkehr der Beschäftigungsdynamik. So konnte ich relativ leicht eine entsprechende Taktik für 2008 empfehlen (siehe access Newsletter Januar 2008). Um in diesem Jahr ähnlich treffgenaue Anregungen geben zu können, muss man meiner Einschätzung nach weiter ausholen und auch mittel- und langfristige Entwicklungen berücksichtigen.
Wieder einige Schritte vom Abgrund entfernt: Wo wir aktuell stehen.
Während vor einem Jahr die im Herbst 2008 weltweit ausgebrochene Krise die Finanzsysteme erschütterte und sich auch bei der Güterproduktion global atemberaubende Überkapazitäten entwickelten, ist der extreme Absturz seit Sommer 2009 gestoppt. Das zeigt zum Beispiel die Entwicklung des ifo Geschäftsklimaindikators. In den USA, der immer noch größten Volkswirtschaft der Welt, ist die Rezession nach 22 Monaten im November 2009 für beendet erklärt worden. Auch die Prognosen der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute oder Banken für das Jahr 2010 deuten es an: Die volkswirtschaftliche Entwicklung zeigt nach oben. Also, alles klar zum Durchstarten auf dem Arbeitsmarkt? Nein, so einfach wird's nicht.
Kaum Anzeichen für einen deutlichen Mehrbedarf an Arbeit
Das Auf und Ab von Konjunktur und Beschäftigungswachstum verläuft weder zeitlich synchron noch unterliegt es den gleichen Gesetzmäßigkeiten. Die Arbeitsmarktdaten gelten unter den Statistikern als nachlaufende Indikatoren. Hinzu kommt, dass sich eine deutlich positive Beschäftigungsdynamik nur bei mittelfristigen Wachstumserwartungen der Unternehmen entwickeln kann. Und mit Blick auf diese beiden Punkte ist es wichtig zu erkennen, dass es in der aktuellen Krise deutliche Anzeichen dafür gibt, dass es sich nicht um eine typische Produktions-Nachfrage-Anpassung handelt.
Die konjunkturelle Schattenseite der Kurzarbeit
Kurzfristig wirkt sich das deutsche Erfolgsmodell der Kurzarbeit deutlich bremsend auf die Einstellungsneigung deutscher Unternehmen aus: Es hat sich einiges an Überkapazitäten aufgebaut. Die stark gefallene Produktivität deutscher Großunternehmen zeigt das deutlich. Entweder wird dieser Faktor durch eine Anpassung der Belegschaftsgrößen (die Bundesagentur für Arbeit geht von einem Anstieg der Arbeitslosenzahl von mehr als 20% auf über vier Millionen aus) oder durch eine längere Dürreperiode im Recruiting ausgeglichen, in der Unternehmen gar nicht oder nur zurückhaltend einstellen. Oder wahrscheinlich durch beides.
Was sagen die Unternehmen? Wie sieht es mit der Wechselbereitschaft aus?

Für die Neueinstellungen direkt aus den Hochschulen sind wir sehr pessimistisch gestimmt. Nicht nur aufgrund des Kurzarbeitseffekts, sondern vielmehr wegen des Feedbacks, das wir von unseren Kunden bekommen: Zum einen werden uns - unter der Hand -nochmals deutlich niedrigere Planzahlen genannt. Zum anderen führt eine zwar gemilderte, aber doch immer noch vorhandene Unsicherheit über die Chancen einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung dazu, dass Unternehmen bis heute noch keine Planzahlen festgelegt haben und nur noch von Quartal zu Quartal "planen". Beispielhaft für die schwache Entwicklung seien hier die Zahlen eines Unternehmens aus der Automobilindustrie vorgestellt: Die 700 Einstellungen von Hochschulabsolventen im Jahr 2008 wurden im letzten Jahr auf 400 reduziert und sollen noch einmal auf 250 verringert werden. Auch die Entwicklung des Monster Employment Index für Akademiker in Deutschland zeigt an, dass die Einstellungsneigung auf ein Vor-Boom-Niveau gesunken ist.
Allerdings hat die oben beschrieben Stabilisierung dazu geführt, dass immerhin freigewordene Stellen wieder nachbesetzt werden. Für diese Positionen kommen jedoch eher Professionals als berufsunerfahrene Hochschulabsolventen in Betracht. Gleichzeitig stellen meine Kollegen aus der Personalberatung fest, dass auch die Wechselbereitschaft unser den berufserfahrenen Akademikern zunimmt.
Soviel zu unserer Einschätzung der kurzfristigen Dynamik, besser gesagt zur kurzfristigen Schwäche in diesem Jahr. Da die Wahl des Arbeitgebers oder einer Branche aber meist Folgen für mehrere Jahre hat, ist für mich eine mittelfristige Ausrichtung der persönlichen Karriereplanung das Gebot der Stunde. Dazu ein Blick über 2010 hinaus.
Das neue Jahrzehnt: Die Grenzen der Verschuldung
Zunächst sieht vieles so aus, wie wir es schon einmal vor sieben, acht Jahren sehen konnten: Das Platzen der New-Economy-Blase beantwortete die US-Notenbank 2002 mit einer deutlichen Senkung des Leitzinses. Die konsumsensible US-Wirtschaft sprang wieder an und mit ihr, um ein dreiviertel Jahr verzögert, das Beschäftigungswachstum. So wie die letzten 50 Jahre trieb die Verschuldung der Privathaushalte das Wirtschaftswachstum. Dabei scheinen nun natürliche Grenzen erreicht worden zu sein. Nachdenkliche Beobachter der Finanzszene beschreiben ihre Erwartungen mit Begriffen wie "The New Normal" oder "The Age of Deleveraging". Die USA erleben Arbeitslosenquoten von in den letzten fünf Jahrzehnten noch nie gesehenen 10% und nach seriösen Analysen bleibt dieses Niveau auch bis 2018 ("Thoughts on the Statistical Recovery", John Mauldin, E-Mail Registrierung erforderlich, sehr lohnenswert).
Die weitergehenden Überlegungen gehen dahin, ob nach der "Subprime Crisis" die "Sovereign Crisis" droht, sprich ob die stark verschuldete westliche Staatengemeinschaft und Japan an den Rande des Staatsbankrotts oder gar darüber hinaus gedrängt werden. Der für seine markanten Formulierungen bekannte Schweizer Analyst Dr. Marc Faber hat schon 2008 mit dem Leitmotiv "Are you born before or after 2007?" auszudrücken versucht, dass im westlichen Wirtschaften eine Zeitenwende bevorstehen könnte und das für die jungen Generationen nicht mehr die gleichen Regeln und Voraussetzungen gelten werden, wie für die Nachkriegssituation.
Zwischenfazit: Die Verschuldungsparty ist fast vorbei; wir alle werden den Kater am Morgen danach für ein paar Jahre spüren. Was sich über Jahrzehnte angesammelt hat, ist nicht in zwei Jahren bereinigt.
Warum wir alle optimistisch sein können
Ich glaube der menschliche Selbsterhaltungstrieb wird dafür sorgen, dass die Fesseln der Überschuldung auf die eine oder andere Art fallen. Und danach werden globale Megatrends für eine vielleicht seit 20 Jahren nicht mehr gekannte Fülle von neuen Chancen sorgen. Zu Veranschaulichung nur kurz vier Beispiele:
- Ab dem Jahr 2015 werden über fünf Milliarden Menschen Zugang zu Telefon und Internet haben, bis zum Ende des Jahrzehnts auf Breitbandbasis. Das wird zu einem neuen Quantensprung in der internationalen Arbeitsteilung und Zusammenarbeit führen und eine Dynamik entwickeln wie seit den vorherigen Transportrevolutionen durch Schifffahrt, Eisenbahn und Flugzeug nicht mehr gesehen.
- Die gering verschuldeten Staaten Asiens haben alle Voraussetzungen, eine weiterhin starke Wachstumsregion zu bleiben. Die mit der Aufholjagd einhergehenden Wohlstandeffekte werden auch zu Wachstumsimpulsen in den reifen Industrieländern führen.
- Hinzu kommen die Fortschritte in der Medizin, die durch eine neue, noch nie so wohlhabende Generation der "Alten" angestoßen werden. Sie führen zu einem rasanten Entwicklungsschub, der die bisherige Fortschrittsgeschwindigkeit im Gesundheitsmarkt noch einmal rasant beschleunigt. Die im Jahr 2030 verfügbaren pharmazeutischen und sonstigen medizintechnischen Methoden werden den heutigen Standard alt aussehen lassen.
- Die Suche nach sauberen und gleichzeitig effizienten Energiequellen wird zu einer Fülle neuer Unternehmensgründungen, Jobs und Berufe führen.
Wird das einfach werden? Nein. Und es wird auch nicht linear, sprich gleichmäßig gut, verlaufen. Und viel spricht dafür, dass für die westlichen Volkswirtschaften in den nächsten Jahren erst einmal Stagnation oder gar etwas Rückgang auf hohem Niveau angesagt sein könnte. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Welt meiner Kinder in 20 Jahren viel weiter entwickelt sein wird als es die letzten zwei Jahrzehnte vermuten lassen.
Was heißt das jetzt für Sie?
Die regelmäßigen Leser meiner Kolumne wissen, dass in der derzeitigen Konstellation (keine typische Rezession, die man einfach aussitzen sollte) eine aktive, eigenverantwortliche Einstellung in meinen Augen die einzig angebrachte Option darstellt, um in ein paar Jahren weiterhin voll im Spiel dabei zu sein. Eine Strategie à la "die Flut hebt alle Boote" taugt in den nächsten Jahren nur für die spekulativen Gemüter unter uns.
Kurz: Ihr (nächster) Job wird Ihnen vermutlich nicht mehr in den Schoß fallen, ihr besonderes Engagement ist gefragt. In einem der letzten Newsletter habe ich das mit der Blue Ocean Strategy verglichen und ein paar praktische Anregungen gegeben. Falls Sie ihn noch nicht gelesen haben, kann ihn Ihnen gerade in diesem eben beschriebenen Zusammenhang weiterhin zur Lektüre empfehlen.
Anhand einer ganz aktuellen Beispielidee, zugegebenermaßen mit Abenteuercharakter, möchte ich an dieser Stelle noch kurz den Ansatz einer aktiven Blue Ocean Denkweise skizzieren.
Das größte Industrieprojekt der Welt
Nicht Shanghai, nicht Dubai, nicht Brasilien. Nein, an der australischen Westküste wird derzeit am "wohl größten Industrieprojekt der Welt" gearbeitet, so die F.A.Z. in der Ausgabe vom 2. Januar 2010. Es geht um Flüssiggas (LNG) für China. Damit sind schon mal zwei der oben angesprochenen Megatrends involviert. Und es sind deutsche Unternehmen wie Hochtief, Thiess, Uvex und DB Schenker, die sich am australischen Gasprojekt beteiligen. Wer sich als Absolvent für die Themen "Ressourcen" oder "Logistik" qualifiziert hat und international ausgerichtet ist, könnte hier seine Chance finden…
Fünf Thesen zu den Jobaussichten in 2010
Lassen Sie mich zusammenfassend mit fünf Thesen die Entwicklung auf dem Job- und Karrieremarkt 2010 charakterisieren:
- Die in den letzten zwei Jahren deutlich gefallene Produktivität deutscher Unternehmen führt dazu, dass diese Unternehmen über einen längeren Zeitraum gar nicht oder nur zurückhaltend einstellen.
- Für Absolventen wird es 2010 noch schwieriger einen passenden Job, geschweige denn den Traumjob zu finden. Die Anzahl der Neueinstellungen von Hochschulabsolventen wird im zweiten Jahr nacheinander reduziert werden, die wirtschaftliche Erholung ist zu schwach.
- Für berufserfahrene Akademiker kommt wieder mehr Bewegung in den Markt, die Unternehmen besetzen offene Positionen wieder nach. Die beiderseitige Schockstarre aus dem Jahr 2009 beginnt sich langsam, aber stetig aufzulösen.
- Aufgrund der weit verbreiteten Unsicherheit über die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung planen Unternehmen immer kurzfristiger, im Extrem nur noch von Quartal zu Quartal. Damit ist auch für individuelle Karrierechancen Schnelligkeit ein wesentlicher Schlüssel.
- Ein nahezu alle Bereiche der Wirtschaft umfassender Boom ist in der neuen Dekade eher unwahrscheinlich. Damit wird es noch wahrscheinlicher, dass der nächste Job keinem mehr in den Schoß fallen wird. Ein besonders aktives Engagement für die eigene Karriereentwicklung ist gefragt. Strategische Denker lenken ihre berufliche Entwicklung gezielt in Richtung der globalen Megatrends wie Energie, Rohstoffe, Asien, Infrastruktur, Medizin, etc.
Mit diesen Ideen möchte ich Ihnen etwas Anregung für Ihren eigenen Karriere-Ansatz liefern. Natürlich kann ich Ihnen keine Blaupause für Ihren persönlichen Karriereplan liefern. Darin steckt noch jede Menge Arbeit. Die aktuelle Krisenzeit eignet sich gut dafür, neue Weichen zu stellen. Vielleicht ist 2010 der richtige Zeitpunkt für Sie um damit anzufangen.
Ihnen allen die besten Wünsche für Gesundheit, Beruf und Privates im (Nach-)
Krisenjahr 2010!
Ihr Jens Ohle
Jens Ohle, Geschäftsführer access KellyOCG GmbH
Feedback: redaktion@access.de
» weitere Karriere-News