Karriere in der globalen Wirtschaftskrise"Finden Sie Ihren blauen Ozean"
Seit Herbst 2008 erleben wir eine weltweite Krise: Die Finanzsysteme wackeln; bei der Güterproduktion tun sich in atemberaubendem Tempo Überkapazitäten auf. Die laufenden Anpassungen bleiben extrem, der Ausblick auf die nächsten Jahre fällt verhalten aus. Die aktuellen Aussichten für Berufseinsteiger und Wechselkandidaten sind deshalb generell eher bescheiden, aber im Einzelfall nicht zwingend schlecht.
In den Schoß fallen wird Ihnen Ihr (nächster) Job vermutlich nicht mehr, Ihr besonderes Engagement ist gefragt. In diesem Newsletter möchte ich Ihnen dazu ein paar Anregungen geben.
Suchen Sie sich Ihren blauen Karriere-Ozean
Die Blue Ocean Strategy (BOS) haben W. Chan Kim und Renée Mauborgne an der INSEAD Business School erstmals beschrieben. Sie ist eine Methode aus dem strategischen Marketing, um nachhaltig profitable Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der Begriff "Ozean" beschreibt hier einen Markt oder Industriezweig: Unter "Blauen Ozeanen" verstehen die Autoren unberührte Märkte oder Industriezweige, die wenig bis gar keinen Wettbewerb aufweisen. Wer in den Blauen Ozean eintaucht, findet dort unentdeckte Märkte oder Industriezweige vor. Mit "Roter Ozean" hingegen bezeichnen sie gesättigte, durch harten Wettbewerb und zahlreiche Mitspieler charakterisierte Märkte. Beispiele für erfolgreiche Unternehmen auf solchen Märkten sind "The Body Shop", Nintendo oder Nespresso.
Ich habe das Buch vor etwa eineinhalb Jahren mit großem Gewinn gelesen, eine Analogie zur Karriereplanung zu ziehen, kam mir damals nicht in den Sinn. Aber ich denke, dass die Grundgedanken sich sehr gut als Basis für die Entwicklung einer Job-Strategie in Zeiten vieler "roter Karriere-Ozeane" eignen. Die Prinzipien der BOS lauten:
- Märkte finden oder neu erfinden und schaffen
- Der Konkurrenz ausweichen
- Sich neu entwickelnde Nachfrage erschließen
- Den Zusammenhang zwischen Nutzen und Kosten aushebeln
- Sich auf Differenzierung und niedrige Kosten ausrichten
Übertragen auf Handlungsmaximen für die Entwicklung von Job & Karriere könnte man das folgendermaßen lesen (in gleicher Reihenfolge):
- Überzeugen Sie Unternehmen von Ihren Talenten durch einen Umweg wie ein Beratungsprojekt oder als Freelancer, wenn eine Festanstellung nicht möglich ist.
- Suchen Sie nach Job-Nischen, die vermeintlich wenig attraktiv sind.
- Finden Sie ein Start-up Unternehmen oder eine Wachstumsbranche, die Ihnen das Potential bietet langfristig mitzuwachsen.
- Überraschen Sie Ihren potentiellen Arbeitgeber in Bezug auf Ihren Wertbeitrag.
- Haben Sie den Mut, sich (nach gründlicher Analyse) zu spezialisieren.
Im Folgenden möchten wir drei der Punkte herauspicken und konkretisieren.
Lassen Sie sich nicht vom Image blenden
Gerade Berufseinsteiger werden von Rankings und Hochglanzberichten in Richtung bestimmter Jobs oder Branchen getrieben. Nicht immer zu ihrem Vorteil. Vertrieb statt Marketing, Handel statt Automobil: Unterhalten Sie sich mit erfahrenen Kollegen aus den beliebteren und aus den vermeintlich wenig attraktiven Betätigungsfeldern. Ich behaupte, Sie werden "blind" nicht wirklich heraushören, wer woher kommt.
Job-Nischen sind genauso gut wie die Hochglanz-Jobs, wenn Sie dort in Ihren ersten Berufsjahren herausfinden können, in welchen Aufgabenbereichen Sie Ihre Höchstleistung erbringen und Ihre Talente einbringen können. In jeden Fall ist ein Job in der Nische besser als das Warten auf den Hochglanz-Job. Ich habe in mehreren Beiträgen versucht darzustellen, warum der erste Job nicht unbedingt der Volltreffer sein muss. Unter dem Stichwort "In Karrierephasen denken" können Sie das im "Karriere Audit" nachlesen.
Big was beautiful
Internationaler Großkonzern oder globaler "Hidden Champion". Diese Alternative ist vielleicht nur "Geschmacksfrage". Denken Sie aber auch beherzt über ganz andere Optionen nach. Gehen Sie gezielt auf kleinere Unternehmen zu. Start-ups oder Wachstumsbranchen, die das Potential bieten mitzuwachsen, sind für "Ausdauerläufer" eine wirklich interessante Option. Finden Sie den nächsten "Google" in Ihrer Branche.
Jede Stelle in einem Unternehmen wird einem Aufgabengebiet und einem Gehaltsband versehen. Die Taktik, sich nun über ein niedriges Gehalt einen Wettbewerbsvorsprung zu sichern, kann mal funktionieren, ist aber bei weitem keine sichere Sache. Viel interessanter finde ich es, wenn Kandidaten versuchen, einen höheren Wertbeitrag zu liefern, als es für das Gehalt üblich wäre. Zwei Beispiele dazu:
Analysieren Sie Berichte über Veränderungen von Markt- und Wettbewerbsstrukturen (diese gibt es in der aktuellen Zeit fast zu viele), exemplarisch ein Beispiel aus der Werbebranche. Im letzten Teil des Spiegel-Interviews "Wir werden Echtzeit-Marketing lernen - oder untergehen" lesen wir Folgendes: "In der Tat, das klassische Agenturmodell verliert an Bedeutung. Eine Ära der Nischenanbieter bricht an. Hoch spezialisierte Start-ups aus der Online-Welt haben enorme Wachstumschancen, weil sie die neuen Kommunikationsformen, die die PR- und Marketing-Agenturen verschlafen haben, weit besser bedienen."
Jetzt bin ich kein Experte für die Werbewirtschaft. Aber wenn Sie einer sind und gerade über einen Ein- oder Umstieg nachdenken, finden Sie in solchen Quellen ausreichend Hinweise, die eine ausführliche Recherche nach Start-up Jobs in diesem Umfeld rechtfertigen.
Verkaufen Sie sich mal unter Wert!
Wie bitte? O.k., folgende Frage: Wie können Sie einen potentiellen Arbeitgeber in Bezug auf Ihren Wertbeitrag überraschen? Indem Sie sich über Ihrem Wert verkaufen? ;-)
Nein, natürlich nicht. Was ich damit meine:
Jede Stelle in einem Unternehmen wird einem Aufgabengebiet und einem Gehaltsband versehen. Die Taktik, sich nun über ein niedriges Gehalt einen Wettbewerbsvorsprung zu sichern, kann mal funktionieren, ist aber bei weitem keine sichere Sache. Viel interessanter finde ich es, wenn Kandidaten versuchen, einen höheren Wertbeitrag zu liefern, als es für das Gehalt üblich wäre. Zwei Beispiele dazu:
Ich kenne persönlich eine Controllerin, die vor ein paar Jahren ziemliche Schwierigkeiten beim Berufseinstieg hatte. Als sie eine Stellenanzeige "Vorstandsassistent m/w" sah, hatte sie "ihre Idee": Sie überzeugte den Geschäftsführer des mittelgroßen "Hidden Champions" aus der Finanzindustrie, seine neue Assistentin nicht als Sekretärin , sondern als "rechte Hand" einzustellen. Der Vorteil für Ihren Chef: Die Gehälter einer erfahrenen Chefsekretärin sind mindestens auf dem Niveau von Hochschulabsolventen ohne Berufserfahrung und er konnte von ihr natürlich deutlich mehr Entlastung in Punkto Investitionsrechnungen, Cash-Flow Kalkulation oder Projektmanagement erwarten. Oder: Mehr Wertschöpfung zum gleichen Preis. Natürlich musste die Jobeinsteigerin zwei Jahre lang das Telefon ihres Chefs betreuen, Termine koordinieren oder Flüge für ihn buchen. Sie war sich dafür aber nicht zu schade und koordiniert nun das Controlling für ein Unternehmen mit 200 Mio. Euro Jahresumsatz.
Ein ähnliches Beispiel habe ich schon in einem frühren Beitrag ("Die Fabel von Japan und der lila Kuh") beschrieben. Lesen Sie die 38 Zeilen (noch) einmal durch und versetzen Sie sich in die Lage eines potentiellen Arbeitgebers aus Ihrem Umfeld: Mit welchem "mehr als üblich" können Sie, gleich zur Bewerbung, aufwarten? Das Ziel: Noch vor der Einstellung wird ihnen ein "Wertschöpfungsvorteil" ans Revers geheftet. (Ein Hinweis an alle Leser, die schon auf die Erstveröffentlichung reagiert haben: Ich weiß um Ihre Vorbehalte hinsichtlich der geschilderten Details zu "Milka & Japan" - diese Fabel soll "nur" anschaulich und Ideen fördernd sein.)
Mit diesen Ideen wollte ich Ihnen etwas Gedankenfutter für Ihren eigenen Karriere-Ansatz in der Krise liefern. Natürlich taugt das nicht zur Blaupause für Ihren persönlichen "Entwicklungsplan Job & Karriere". Darin steckt noch jede Menge Arbeit. Vielleicht ist das Bild der "Blue Oceans" aber der richtige Startpunkt für Sie! Los geht's ...
Viel Erfolg wünscht
Ihr Jens Ohle
Jens Ohle, Geschäftsführer access KellyOCG GmbH
Feedback: redaktion@access.de
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